Endocannabinoide und menschliche Entwicklung: Embryos, Neugeborene, Stillen und mehr

Endocannabinoide Der menschliche Körper profitiert von seinem eigenen Cannabinoid-Netzwerk, das als Endocannabinoidsystem bezeichnet wird. Insbesondere mit Blick auf die geradezu krankhaft verfochtene Tabuisierung der Cannabispflanze und ihres Genusses wurde das grundsätzliche Thema der natürlich im menschlichen Körper erzeugten Cannabinoide häufig erforscht.

Das Thema Endocannabinoide und ihr Einfluss auf die menschliche Entwicklung wurde ebenfalls intensiv behandelt, erfuhr jedoch nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Und dies vielleicht aus gutem Grund: Was müsste der Gesetzgeber wohl zu Cannabinoiden sagen, wenn diese in hohem Maße für die allerersten Überlebensbemühungen menschlicher Embryonen verantwortlich sind?

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Endocannabinoide: Die Grundlagen in Kürze

Cannabinoidrezeptoren (CB) befinden sich an zahlreichen Stellen im gesamten menschlichen Körper. Zum einen befinden sich CB1-Rezeptoren in vielen neuralen und nicht-neuralen Gewebestrukturen, insbesondere im Gehirn, im Nervensystem, in den Verdauungsorganen, im Reproduktionssystem, im Bindegewebe und in den Drüsen. Zum anderen finden sich CB2-Rezeptoren in nicht-neuralen Gewebestrukturen wie beispielsweise denen des Immunsystems. Die durch diese Rezeptoren und ihre zugeordneten Cannabinoide erzielten Vorteile sind vielfältig, konzentrieren sich aber auf ein einziges Ziel: Die Erhaltung der Homöostase, d.h. die Fähigkeit eines lebenden Organismus, seine internen Zustände an externe Parameter anzupassen.

Ein Beispiel:
CB1-Rezeptoren sind als Andockstelle des berühmten Cannabinoids THC bekannt. Aber andere Cannabinoide und Endocannabinoide wie Anandamid arbeiten ebenfalls mit den CB1-Rezeptoren zusammen.
CBD, ein weiteres sehr beliebtes Cannabinoid, das für seine vielfältigen therapeutischen Eigenschaften bekannt ist, interagiert sowohl mit den CB1- als auch mit den CB2-Rezeptoren.

Endocannabinoide und die menschliche Entwicklung: Einnistung des Embryos

Endocannabinoide werden im menschlichen Körper schon sehr früh erkannt, und zwar schon bevor dieser Körper im Uterus vollkommen ausgebildet ist. Sowohl die CB1- als auch die CB2-Rezeptoren sind bereits in frühen Stadien der Schwangerschaft vorhanden, besonders beim Prozess der Einnistung des Embryos, also wenn der Embryo sich erfolgreich an die Gebärmutterwand der Mutter bzw. Leihmutter „anheftet“.

Die Embryoeinnistung findet 6 bis 12 Tage nach der Ovulation statt. Sie löst die Versorgung des Embryos durch die Mutter mit Sauerstoff und Nährstoffen aus, damit der Embryo wachsen kann.
Während dieses Zeitraums ist im Uterus grundsätzlich ein hohes Anandamidniveau festzustellen. Es wird aber eine ganz besondere und räumlich strikt abgegrenzte Verringerung des Anandamidniveaus für eine erfolgreiche Einnistung benötigt, und zwar genau an der Stelle, an welcher der Embryo sich anheften soll. [1]

Wegen ihrer Beziehung zu Anandamid stehen die CB1-Rezeptoren im Zentrum dieses Prozesses. Sofern der Einnistungsvorgang gestört ist, das Endocannabinoidsystem also seine Aufgabe nicht erfüllt, kann der Embryo nicht überleben. Damit ist das Endocannabinoid Anandamid nicht nur für das Wachstum in frühen Schwangerschaftsstadien wichtig, sondern sogar für das eigentliche Überleben des Embryos entscheidend.

Was bedeutet das?
Der Vorgang der Embryoeinnistung wird bislang nur sehr unzureichend verstanden. Insbesondere sind die zahlreichen Gründe, aus denen die Embryoeinnistung fehlschlagen kann, keineswegs immer erklärbar.
Für das gesamte Thema der Unfruchtbarkeit könnte eine vertiefende Studie zu Anandamid und seinen Wirkungen auf den menschlichen Körper, wenn es aus externen Quellen zugeführt wird, nützlich sein. Davon abgesehen, könnte eine bessere Verbreitung dieses Wissens einen Beitrag zur Behebung von Defiziten bei der In-vitro-Fertilisation leisten, denn ein größeres Hindernis, das bei diesem Verfahren überwunden werden muss, ist eben die fehlende Fähigkeit des Eis, sich von selbst im mütterlichen Uterus einzunisten.

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Endocannabinoide und menschliche Entwicklung: Die frühe nachgeburtliche neuronale Verbindung

Neurale Entwicklung

Andere Studien zu den von CB1-Rezeptoren gesteuerten Funktionen des Gehirns haben gezeigt, dass diese Rezeptoren in Bereichen vorkommen, die veröden, sobald der menschliche Körper das Erwachsenenalter erreicht hat.
Denn CB1-Rezeptoren sind nicht nur in der Großhirnrinde und im Hippocampus vorzufinden – also in zwei Bereichen, von denen die Aktivität dieser Rezeptoren bei Erwachsenen bekannt ist –, sondern bei noch in der Entwicklung befindlichen Gehirnen auch in der weißen Substanz, insbesondere in der Capsula interna und der Pyramidenbahn sowie in der subventrikulären Zone.
Mit anderen Worten: Es ist davon auszugehen, dass CB1-Rezeptoren auch eine überaus entscheidende Rolle bei der frühen Entwicklung des menschlichen Gehirns spielen. Diese Rezeptoren werden dann später vom erwachsenen Körper aufgegeben, sobald dieser spezifische Teil des neuralen Entwicklungsprozesses abgeschlossen ist.
Bei dem Versuch, den gleichen Prozess bei anderen Arten zu entdecken, haben Tierversuche an noch in der Entwicklung befindlichen Gehirnen ebenfalls das Vorhandensein von CB1-Rezeptoren bis zum Tag 5 nach der Geburt in Bereichen mit weißer Substanz nachgewiesen, beispielsweise im Corpus callosum und in der Commissura anterior, die beide die beiden Hirnhemisphären miteinander verbinden. [2] [3]

Beide Ergebnisse zeigen ein vorübergehendes Vorkommen von Cannabinoidrezeptoren in verschiedenen Bereichen des sich entwickelnden Gehirns. Das unterstützt die Theorie, nach der Endocannabinoide eine Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns spielen.

Was bedeutet das?
Leider sind die Studien zum Thema Endocannabinoide und menschliche Entwicklung, insbesondere wenn sie sich direkt auf das menschliche Gehirn beziehen, viel zu stark auf die Grundlagenforschung konzentriert, als dass sie zu irgendeiner praktischen Anwendung führen könnten. Man kann höchstens vermuten, dass eines Tages vielleicht die Ursachen bestimmter, mit dem Nervensystem zusammenhängender angeborener Krankheiten (wie der Zerebralparese) entdeckt und diese möglicherweise noch vor ihrem Ausbruch behandelt werden können.

Neuroprotektive Eigenschaften

Endocannabinoide scheinen auch einen Einfluss auf verletzungsbedingte neuronale Verluste während einer kurzen Periode nach der Geburt zu haben.
Nach der Geburt an Tieren durchgeführte Experimente zeigten, dass auf externen Ursachen beruhende Verletzungen, die neuronale Verluste nach sich ziehen, durch die Schutzwirkung eines synthetischen Stoffes, der das THC nachbildet, beeinflusst werden können. In diesen Fällen beugte die THC-Verabreichung sowohl einer sofortigen als auch einer verzögerten verletzungsbedingten Neurotoxizität vor.
Ein genaueres Studium dieses Prozesses zeigte, dass die Ergebnisse je nach dem genauen Alter des Versuchsobjekts variieren können. Wie es scheint, sind die neuroprotektiven Eigenschaften der CB1-Rezeptoren nur während einer kurzen, aber entscheidenden Phase nach der Geburt aktiv. [2] [4]

Weitere Beobachtungen auf der Grundlage dieses und ähnlicher Experimente haben eine starke Erhöhung des Endocannabinoid-Anandamid-Niveaus nach einer Kopfverletzung nachgewiesen. Die Hypothese lautet daher, dass das Anandamid, das mit CB1-Rezeptoren interagiert, als endogenes Schutzmittel für das neuronale System wirken könnte.

Was bedeutet das?
Der Körper von Säugetieren verfügt offensichtlich über Mittel und Wege, bestimmte Gefahren abzuwehren, die nach der Geburt auftreten können. So schützt Anandamid das sehr junge Gehirn vor neuronalen Verlusten, ohne dass es eines anderen Auslösers als der Verletzung selbst bedarf. Der von außen zugeführte Wirkstoff THC könnte sich daher als ein wichtiges Schlüsselelement zur Behandlung frühkindlicher Verletzungen bei Neugeborenen erweisen. Die häufigsten Ursachen frühkindlicher Verletzungen gehen auf Geburtskomplikationen zurück, beispielsweise auf Asphyxie oder Herzstillstand. Wegen der psychoaktiven Eigenschaften von THC werden jedoch wahrscheinlich bestimmte Anpassungen notwendig sein. Vielleicht ein CBD-THC-Präparat?

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Endocannabinoide und die menschliche Entwicklung: Saugreflex und Stillen

Saugreflex und Wachstumsstörung

Der Saugreflex eines Neugeborenen, d.h. „das instinktive Saugen an allem, was den Gaumen berührt und der Art und Weise entspricht, in der ein Kind natürlicherweise isst“, gehört zu den entscheidenden Fähigkeiten im menschlichen Entwicklungszyklus. Selbst in Fällen, in denen das Neugeborene den fehlenden Nahrungsaufnahmereflex überlebt, kann dies trotzdem die künftige physische Entwicklung bis hin zum Erwachsenenalter prägen – z.B. das Wachstum, die allgemeine Beziehung zur Nahrungsaufnahme und die entsprechenden Auswirkungen (altersgemäße Gewichtszunahme, Magen- und Darmprobleme usw.). Dieser Reflex kann auch die Beziehung zwischen Mutter/Pflegekraft und Kind beeinflussen oder davon herrühren.

Man hat in Studien versucht, den Nachweis zu erbringen, dass die CB1-Rezeptoren einen wichtigen Parameter für das Auslösen des Saugreflexes bei Neugeborenen darstellen. Tierversuche, bei denen ein CB1-Rezeptor-Antagonist injiziert wurde, führten zu einem Scheitern der Milchaufnahme und ein paar Tage später schließlich zum Tod der Versuchsobjekte. Derartige Ergebnisse konnten aber nur beobachtet werden, wenn der Antagonist innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt verabreicht wurde. Eine spätere Verabreichung führte dagegen zu einer geringeren bis völlig fehlenden Quote von Todesfällen. Der CB1-Rezeptor-Antagonist löste auch eine Hypothermie aus und führte zum Fehlen motorischer Fähigkeiten, die für die Ernährung notwendig sind. Auch hier scheint es so, dass das Endocannabinoidsystem zeitweilig funktionierende Mechanismen in Gang setzt, die dann wieder deaktiviert werden, wenn der Körper sie nicht mehr benötigt. [2]

Was bedeutet das?
Nicht organisch erklärbare Wachstumsstörungen können mit einem gestörten Endocannabinoidsystem in Verbindung gebracht werden. Obwohl die entsprechenden Studien bereits vor mehr als einem Jahrzehnt durchgeführt wurden, gab es bislang keine weiteren Forschungen zu dieser Hypothese.

Das Stillen

Die Rolle bestimmter Endocannabinoide im Verfahren der Nahrungszuführung bei Kindern wurde bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten in verschiedenen Studien erkannt. Sowohl Anandamid als auch das Endocannabinoid 2-Arachidonylglycerol (2-AG) wurden in menschlicher und von Kühen stammender Milch nachgewiesen, wobei die Konzentration von 2-AG zehn Mal höher als die von Anandamid war.

Testergebnisse legen nahe, dass die Funktion von 2-AG im Gehirn darin besteht, den Saugreflex zu stimulieren, und dass die daraus resultierende Milchaufnahme seine Konzentration so erhöht, dass über einen Zeitraum von zwei Tagen ein Verhaltensmuster des Milchsaugens entsteht. Wenn bei Tierversuchen stattdessen ein Antagonist verabreicht wurde, führte das Fehlen des aus der Milch stammenden 2-AG zu einem Wegfall dieses Verhaltensmusters und dadurch zu einer Gefährdung des Überlebens des Versuchstiers. [2]

Anandamid erhöht zudem nachgewiesenermaßen die Nahrungsaufnahme. Wissenschaftler erläuterten hierzu Folgendes: „Der für die therapeutische Wirksamkeit von Cannabinoiden bei der Stimulierung des Appetits verantwortliche Mechanismus ist noch nicht bekannt. Er steht aber wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Tatsache, dass CB1-Rezeptoren, Anandamid und 2-AG im Hypothalamus vorkommen, der bekanntermaßen auf die Nahrungsaufnahme einwirkt.“ [5]

Was bedeutet das?
Haben Sie jemals Cannabis aus medizinischen Gründen oder als Freizeitdroge konsumiert? Hatten Sie dann auch die Erscheinung, die man häufig als „Fressflash“ bezeichnet? Wenn ja, haben Sie bereits aus erster Hand den Mechanismus erlebt, der auch den Saugreflex und den Appetit stimuliert und grundsätzlich während des gesamten Lebens eines Menschen dessen Wachstum und Entwicklung fördert.
Aus Gründen, die von ethischen Fragen bis hin zu dem derzeitigen Krieg gegen Drogen reichen, hat das sensible Thema des Zusammenhangs zwischen Endocannabinoiden und der menschlichen Entwicklung bisher nicht die Aufmerksamkeit in Form einer Zunahme von Studien erhalten, die es verdient, von klinischen Versuchen ganz abgesehen.
Hoffentlich werden die kürzlich erfolgten Gesetzesänderungen zu einer konsequenteren finanziellen Unterstützung der Cannabinoidforschung führen.

Sind Sie auf eine neue Studie zu diesem Thema gestoßen? Möchten Sie Ihre persönlichen Erfahrungen mit uns teilen?
Berichten Sie uns in dem folgenden Kommentarabschnitt über Ihre Kenntnisse zum Thema Endocannabinoide und menschliche Entwicklung.

 

 

[1] Dysregulated cannabinoid signalling disrupts uterine receptivity for embryo implantation, 2001, USA, Deutschland

[2] The endocannabinoid-CB receptor system: Importance for development and in paediatric disease, 2004, Israel

[3] The endogenous cannabinoid system and brain development, 2000, Spanien

[4] Cannabinoids: Well-suited candidates for the treatment of perinatal brain Injury, 2013, Spanien

[5] Cannabis and endocannabinoid modulators: Therapeutic promises and challenges, 2008, USA

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