Partydrogen: Synthetisches Glück


«Zuerst wurden als Drogen Naturprodukte wie Morphium missbraucht, dann ging man zu halbsynthetischen Produkten wie Heroin über.» Der Schritt zum Do-it-yourself-Konzept der synthetischen Drogen sei absehbar gewesen, erörterte die NZZ in der Beilage «Technologie und Gesellschaft» vor knapp dreissig Jahren, am 30. April 1986.

Anlass zu dieser nüchternen Analyse lieferten damals Drogenfunde in Kalifornien. Dort waren Derivate der Schmerzmittel Fentanyl und Meperidin festgestellt worden, sogenannte Designer-Drogen, die als Heroin-Ersatz gehandelt wurden. Ausserdem wurde in der Untergrundszene MDMA gefunden. MDMA, ausgeschrieben 3,4-Methylendioxymethamphetamin, ist der Grundbestandteil von Ecstasy. Weder Fentanyl noch Meperidin haben sich in der Schweiz als Partydrogen etabliert. Anders Ecstasy: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich der Konsum von MDMA auf einem hohen Niveau eingependelt. Unter den konsumierten illegalen Drogen nimmt Ecstasy heute einen Spitzenrang ein. Laut dem Global Drug Survey von 2014 ist MDMA nach Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in der Schweiz – noch vor Kokain.

Gemäss dem Suchtmonitoring des Bundesamts für Gesundheit (BAG) liegt der Konsum von Ecstasy tiefer als der von Cannabis, Kokain und LSD. Die Resultate unterscheiden sich aufgrund verschiedener Befragungsmethoden. Der Global Drug Survey bezieht seine Daten von über 5000 freiwilligen Teilnehmern, die am Thema Drogen interessiert sind. Das BAG greift hingegen auf eine Stichprobe von etwa 11 000 Personen zurück, welche die Durchschnittsbevölkerung abbilden sollen.

Doch unabhängig davon, wie die Zahlen berechnet werden: Ecstasy, LSD und Amphetamine haben einen festen Platz in der Schweizer Drogenszene. Neben Kokain sind synthetische Drogen die Treiber des Zürcher Partylebens. Und der Nachwuchs an Konsumenten versiegt nicht. Aus den Zahlen des BAG geht hervor, dass Teenager öfter angaben, Ecstasy, Speed oder LSD konsumiert zu haben, als Mitglieder anderer Altersgruppen. Der typische Konsument von Partydrogen ist laut Christian Kobel von der Jugendberatungsstelle Streetwork aber etwas älter. Im Drogeninformationszentrum (DIZ), wo unter anderem Drogenproben getestet werden können, sind die Besucher meist zwischen 24 und 31 Jahre alt.

Es ist schwierig, den Prototypen des Konsumenten zu eruieren. Einfacher ist es, seine Motivation zu ergründen. Wer Amphetamine und Ecstasy konsumiert, will seine Hemmungen überwinden, Spass und Energie haben. «Der Grund, warum Leute eine spezifische Droge konsumieren, ist die Wirkung, auf die sie abzielen», sagt Christian Kobel. Während Kokain als leistungssteigernd gilt und einen Egotrip verursacht, macht Ecstasy den Konsumenten eher warmherzig. Amphetamine wirken ähnlich wie Kokain, sind aber weniger steuerbar, da ihre Wirkung länger anhält. Viele der heutigen Drogenkonsumenten sind Polytoxikomanen – sie probieren verschiedene Drogen aus, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Norbert Klossner, ehemaliger Leiter der Ermittlungsabteilung Strukturkriminalität der Kantonspolizei Zürich, führt den Erfolg von Partydrogen auf einen veränderten Lebensstil zurück. Keiner wolle mehr Drogen, die am Körper sichtbare Spuren hinterliessen. Heroin etwa gelte als Verliererdroge.

1914 wurde MDMA von Chemikern des deutschen Pharmaunternehmens Merck als Appetitzügler patentiert, kam aber niemals auf den Markt. Erst 1976 testete der amerikanische Chemiker Alexander Shulgin die Substanz auf ihre psychoaktive Wirkung. In der wissenschaftlichen Arbeit, die er daraufhin veröffentlichte, findet sich unter anderem der Satz: «Ich habe mein ganzes Leben gelebt, um das zu erreichen, und ich fühle mich, als wäre ich zu Hause angekommen. Ich bin vollkommen.» Shulgin, der Anfang Juni im Alter von 88 Jahren starb, gilt aufgrund seiner Aufzeichnungen als Vater der Partydroge Ecstasy .

Ecstasy und weitere synthetische Drogen wurden lange als Psychopharmaka getestet, beispielsweise in der Behandlung von psychischen Traumata oder zur Überwindung von Kommunikationsbarrieren. Noch heute gibt es in der Schweiz eine Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT) . Sie wurde 1985 gegründet, um die wissenschaftliche Forschung zur therapeutischen Anwendung von psychoaktiven Substanzen zu fördern.

Zwischen 1988 und 1993 erhielten fünf Therapeuten der SÄPT vom BAG eine Ausnahmebewilligung, um mit den Substanzen MDMA und LSD in ihren Praxen psycholytische Therapien durchzuführen. 170 Patienten wurden behandelt. Die Ergebnisse seien überwiegend positiv ausgefallen, hiess es 1996 in einer Folgeuntersuchung. Als MDMA noch nicht verboten war, wurde es ausserdem für seine aphrodisierende Wirkung bekannt – daher auch der Übernahme Ecstasy, also Ekstase.

Ecstasy für Reagan und Tschernenko

«Sex aus der Pille» lautete der Titel des Artikels im Schweizer Jugendmagazin «Team» von Juli 1984. Geschrieben hat ihn Heidi Stutz, heute Bereichsleiterin für Familienpolitik in einem Forschungsinstitut für sozialpolitische Studien. Eine Recherche in der Schweizer Mediendatenbank SMD hat ergeben, dass Stutz‘ Artikel der erste war, der die Partydroge Ecstasy und deren Verbreitung in der Zürcher Partyszene beschrieb. Die Autorin zeigt sich heute erstaunt darüber, dass sie die erste gewesen sein soll, die zu diesem Thema einen Artikel verfasst hatte. «Ecstasy war damals schon sehr präsent in Zürich», erinnert sie sich.

Im Zuge der Jugendunruhen der frühen achtziger Jahre sei das Thema Drogen unter Jugendlichen rege diskutiert worden. Ecstasy war damals noch nicht verboten und konnte in einfachen Laboratorien hergestellt werden. Die Ware kam über Zwischenhändler aus den USA in die Schweiz, via Deutschland, Italien oder Spanien.

Stutz sei es besonders darum gegangen, den Jugendlichen Hintergrundinfos zu geben. In ihrem Artikel beschreibt sie die Erfahrungen von Maxi und Jacques oder Annette und Simon, die Ecstasy konsumierten, um ihr Liebesleben anzuregen, und dabei auf ganz andere Gedanken kamen. «Du träumst so naive Träume», wird etwa Annette zitiert, «dass man Reagan und Tschernenko täglich eine Ration Ecstasy in die Suppe mischen sollte, um den Weltfrieden zu bewahren, zum Beispiel.»

Stutz beschrieb aber auch die Risiken des Ecstasy- und Amphetamin-Konsums: eine relativ hohe Suchtgefahr und die Gefahr von Überreizungen bis hin zu Verfolgungswahn-Psychosen.

Im August 1986 wurde die hiesige Boulevardpresse auf das Phänomen Ecstasy aufmerksam. Der «Blick» titelte: «Todes-Drogen zum Selbermachen». Die neuen Drogen seien tausendmal gefährlicher als Heroin und Kokain, hiess es in der Zeitung. Im Artikel beschrieben Fachleute die Konsumenten als Roboter, deren Steuerelektronik
verrückt spiele. «Sie staksen rast- und ziellos durch die Gegend. Ihre Augäpfel quellen hervor, aus dem Mund kommt nur noch ein unverständliches Grunzen.»


Der Konsum von Amphetaminen und MDMA kann zu Überhitzungen oder Herz-Kreislauf-Problemen führen. Auch ein Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wird nicht ausgeschlossen. Im Sommer 1986 nahm das BAG MDMA und verwandte Substanzen auf Anraten der Weltgesundheitsorganisation in das Verzeichnis der Betäubungsmittel auf. Damit wurden Herstellung, Handel und Konsum illegal.

Zwei Tage nach dem Artikel im «Blick» wurde die Polizei in der Schweiz zum ersten Mal fündig. Im Waadtland stellte sie MDMA sicher. Die Polizei rechne mit einer raschen Ausbreitung von Drogen der neuen Generation, hiess es in der Pressemitteilung.

Sie sollte Recht behalten.

Lesen Sie im nächsten Teil, wie die Polizei den Händlerstrukturen bei synthetischen Drogen auf die Schliche kommen will – und wieso das ein schwieriges Unterfangen ist.

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Drogendeals im Freundeskreis

Die Ermittler schlagen Mitte November 2013 zu. Bei einer Hausdurchsuchung in Bern stellen sie Chemikalien und selbstgebaute Apparaturen für die Verarbeitung von Drogen sicher. Sie verhaften einen 42-jährigen Mann und seine 22-jährige Mitbewohnerin. Laborutensilien und Chemikalien in einem Lagerraum in Othmarsingen.(Kantonspolizei Bern)

In einem Lagerraum, den der Mann im aargauischen Othmarsingen gemietet hat, finden die Fahnder später ein weiteres Labor, in dem der Besitzer seit mehreren Jahren Methamphetamin – das berüchtigte «Crystal Meth» sowie Thai-Pillen – produziert. Rund 12 Gramm der Substanz können die Drogenproduzenten pro Woche herstellen. Ohne aufzufallen, hätte der Mann das Labor allerdings nicht mehr lange weiterbetreiben können. In der Halle stapeln sich bereits die Abfälle aus der Drogenproduktion.

Kleine Nummern

Drei solche Labors für synthetische Drogen hat die Polizei in der Schweiz im letzten Jahr ausgehoben. Die Herstellung im Inland spielt allerdings nur eine marginale Rolle. Meist dient die Produktion dem Eigenbedarf und dem Konsum im Bekanntenkreis. «Die Labors zeigen aber, dass es auch hierzulande möglich ist, über einen längeren Zeitraum ungestört Drogen zu produzieren», sagt Christian Schneider, Analytiker beim Bundesamt für Polizei (Fedpol).

Die Partyszene in der Stadt Zürich wird hauptsächlich aus dem Ausland mit synthetischen Drogen versorgt. Produziert werden die illegalen Substanzen in Grosslabors in Belgien, in den Niederlanden und in Osteuropa. Im Vergleich zu diesen waren die drei Schweizer Labors nur kleine Nummern. Eine international koordinierte Polizeiaktion im vergangenen Jahr illustriert dies gut. Auf einem entlegenen Hof im belgischen Chimay wurde ein riesiges Ecstasy-Labor entdeckt. Die Fahnder stiessen auf rund eine halbe Tonne der Ausgangsstoffe für die Herstellung von Ecstasy. Der Einsatz war Teil von insgesamt 30 Razzien in Belgien, Polen und den Niederlanden gegen einen internationalen Drogenring. Es war der bisher grösste Fund in Europa. Das sichergestellte Material hatte einen Wert von rund 1,3 Milliarden Euro.

Gefragt sind an den Zürcher Partymeilen neben Kokain vor allem die synthetischen Drogen Speed und Ecstasy. Es sind Substanzen, welche die Leistung steigern und die Nutzer länger wach halten. Das Konsumverhalten spiegelt sich auch im Ausgehverhalten. Die Zahl der After-Hour-Feiern, also Partys, die erst in den Morgenstunden beginnen, steigt seit Jahren an. Ein Teil der Szene weicht zudem vermehrt in Klubs aus, in welche Besucher nur via Gästeliste Einlass erhalten. Dort werden die Drogen meist offener konsumiert. Eine Aussage über die gehandelten Mengen zu machen, sei schwierig, sagt Beat Rhyner, Leiter des Kommissariats Fahndung bei der Stadtpolizei Zürich. «Tendenziell haben wir aber mehr Drogen in der Partyszene als früher.»

Über die Händler und die Verteilnetzwerke bei den synthetischen Drogen haben die Behörden nur wenig gesicherte Kenntnisse. «Gehandelt wird vor allem in den Klubs und in deren Umfeld», sagt Rhyner. Die Polizei versucht das Treiben deshalb mit Scheinkauf-Aktionen zu unterbinden.

Häufig eine Vertrauenssache

Die Fahnder erwischen dabei häufig nur Kleindealer. Das hängt vor allem mit den Handelsstrukturen zusammen. «Wir gehen von kapillaren Strukturen aus», sagt Schneider. Die Drogen würden im Freundes- und Bekanntenkreis gehandelt. «Der Dealer kennt die Leute, denen er die Substanzen verkauft.» Diese Aussage bestätigt auch Christian Kobel von der Jugendberatungsstelle Streetwork: «Die meisten getesteten Substanzen haben die Besitzer über private Kontakte erstanden.» Das Vertrauen zu den Dealern spiele dabei eine wichtige Rolle. Dies kann sich aber leicht als Trugschluss erweisen. Die Drogen aus den Händen von Bekannten seien häufig nicht reiner als jene, die man auf der Strasse kaufen könne, sagt Kobel.

Ganz anders operieren die Drogenringe beim Kokain. Dort sind die Dealer-Netzwerke viel hierarchischer aufgebaut. «Die Handelsstrukturen und Hierarchien in diesem Bereich sind absolut professionell», sagt Peter Bächer, Chef der Ermittlungsabteilung Strukturkriminalität bei der Kantonspolizei Zürich. Er stellt aber auch dort ein Umdenken fest: «Die Drogenringe arbeiten innerhalb Europas heute tendenziell mit kleineren Mengen.» Das Risiko aufzufliegen sei geringer, zudem müsse man die grossen Mengen zuerst finanzieren. Dieser Trend lasse sich an den Sicherstellungen ablesen.

Die Zahl der ertappten Händler und Schmuggler hat sich bei den synthetischen Drogen in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Das zeigt eine Auswertung des Bundesamts für Statistik (BfS). 2013 gingen den Fahndern insgesamt 369 Amphetamin-Händler und -Schmuggler ins Netz. 2009 waren es noch 151. Ein Anstieg zeigt sich auch bei der Zahl der Ecstasy-Dealer. Dort verzeichnet das BfS eine Zunahme innert fünf Jahren von 260 auf 394 Beschuldigte. Auffallend ist zudem, dass in den Handel mit synthetischen Drogen mehrheitlich Schweizer involviert sind. Beim Kokain zeigt sich ein etwas anderes Bild. Die Zahl der erwischten Händler und Schmuggler ging im Zeitraum von 2009 bis 2013 leicht zurück, allerdings auf höherem Niveau. Im vergangenen Jahr griff die Polizei hierzulande 2644 Kokaindealer auf, 2009 waren es noch 3010 Beschuldigte gewesen. Die grosse Mehrheit war ausländischer Herkunft.

Internethandel im Visier

Die synthetischen Drogen gelangen hauptsächlich über den Strassen- und Schienenverkehr in die Schweiz. In den Fokus der Behörden gerät zusehends auch der Versand per Post. Hintergrund ist der florierende Drogenhandel im Internet. Auf speziellen Websites wie Silk Road, die den Beinamen «Ebay für Drogen» trägt, werden alle bekannten Substanzen angeboten. Schwierigkeiten bereitet den Behörden insbesondere, dass die Site nur über das Netzwerk «Tor» erreichbar ist. Dieses verschleiert die Spuren seiner Nutzer. Anhaltspunkte dafür, dass der Handel über solche Plattformen und mit Krypto-Währungen wie Bitcoin zunimmt, erhalten die Ermittler durch Sicherstellungen am Zoll. «Interessant macht die Plattformen vor allem deren Anonymität», sagt Bächer. Anbieter und Konsumenten hätten das Gefühl, die Strafverfolger sässen ihnen bei ihren Deals nicht im Nacken.

Die neu geschaffene Cybercrime-Abteilung im Kanton Zürich soll sich deshalb um den Internet-Drogenhandel kümmern. «Es ist erforderlich, dass die Polizei auch im Web patrouilliert», sagt Bächer. Um ganze Netzwerke auffliegen zu lassen, braucht es langwierige Ermittlungsverfahren. «Die Anforderungen sind gerade mit dem Internethandel gewaltig gestiegen. Es braucht nicht nur Kommunikationsüberwachungen und Observierungen, sondern auch Staatsanwälte, die gewillt sind, mitzuziehen», sagt Bächer. Sonst bekämen die Drogenringe eine Dominanz, die ni
emand wolle. Eine Lücke bei den Kontrollen besteht beim Container-Schiffsverkehr. «Es ist dort schlicht unmöglich, in einem sinnvollen Mass Kontrollen durchzuführen», sagt Schneider. Da es hierzulande eine relativ grosse Nachfrage nach synthetischen Drogen gebe, bestehe aber die Vermutung, dass ein Teil der Drogen mit Frachtschiffen in die Schweiz komme.


Überraschung für die Polizei

Dass auch professionelle Händlergruppen in der Schweiz operieren, zeigt ein spektakulärer Fund im vergangenen Jahr: Der Stadtpolizei Zürich gelang es nach aufwendigen einjährigen Ermittlungen, einen grossen Drogenring zu zerschlagen. Beschlagnahmt wurden dabei 72 Kilogramm Speed. Es handelte sich um die grösste je sichergestellte Menge dieser Droge in der Schweiz.

Der Drogenring bestand aus professionellen Händlern, die äusserst unauffällig agierten. Gegen sieben involvierte Personen läuft derzeit ein Strafverfahren. Von den Ausmassen wurden die Behörden überrascht. Bis dahin ging man nicht davon aus, dass solche Grosshandelsstrukturen auch in der Schweiz existieren. Das Fedpol will deshalb die Koordination mit den Kantonen im Bereich der synthetischen Drogen verstärken und den Fokus vermehrt auch auf diesen Handel setzen.

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Die Suche nach dem Exzess


«Wer will noch einen Nasenkaffee?», fragt Dani* in die Runde. Aus einem Plasticsäckchen lässt der 30-Jährige sorgfältig ein weisslich-beiges, leicht verklumptes Pulver auf ein silbernes Tablett rieseln. Aus seinem Portemonnaie kramt er eine Bankkarte hervor und beginnt, das Amphetamin – «Speed» genannt – fein zu hacken, bevor er es in mehrere Linien zerteilt. Dann beugt er sich vor und zieht das Pulver durch ein Röhrchen die Nase hoch.

Es ist Freitagabend und für Dani ein normaler Start ins Party-Wochenende, das meist erst irgendwann am Sonntagnachmittag endet. Bei unserem Besuch hat sich eine Gruppe von vier Personen in Danis Wohnung eingefunden. Durch das Wohnzimmer schallt der Bass eines Stücks des Frankfurter DJ-Kollektivs «Sportbrigade Sparwasser». Das Gespräch dreht sich um Alltägliches wie Erlebnisse bei der Arbeit, Neuigkeiten im Freundeskreis und natürlich die Ausgangspläne. Dani hat derweil ein paar Tischkerzen angezündet. Der Reigen beginnt: Einer nach dem anderen beugt sich über das Silbertablett und zieht eine Linie «Speed» hoch. Sarah* bringt zwei Schälchen mit Himbeeren und Melonenstückchen aus der Küche. Auf dem Balkon schlürfen die Kollegen Harry* und Jan* Prosecco und Bier.

Bis zum Umfallen

Die Wirkung von «Speed» setzt rasch ein. Wird die Droge geschnupft, dauert es bloss ein paar Minuten, bis sie sich bemerkbar macht. Die 28-jährige Sarah beschreibt es so: «Du spürst gleich nach dem Schnupfen ein schmerzhaftes Ziehen im Schädel. Danach fühlst du dich energiegeladen und stark wie ein Schnellzug.»

Wer ein ganzes Wochenende fast ohne Schlaf durchhalten will, muss gut ausgerüstet sein. Der Drogenkonsum der Tanzlustigen ist deshalb beträchtlich. «Da gehen schon einmal ein Gramm Speed und ein halbes Dutzend Ecstasy-Tabletten drauf», rechnet Dani vor. Häufig biete er auch Kollegen noch die eine oder andere Linie und Pille an. An diesem Abend hat die Clique neben «Speed» auch MDMA in kristalliner Form und giftgrüne Ecstasy-Pillen mit Superman-Symbol dabei. Mittlerweile ist es 1 Uhr nachts, und das erste Ziel, ein Klub im Zürcher Kreis 5, ist erreicht. Die Security-Mitarbeiter am Eingang tasten zwar die Taschen ab. Das Hineinschmuggeln der Drogen ist allerdings kein Problem. Im Innern hämmert bereits der Bass.

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele der Partygänger in Zürich Drogen konsumieren, gibt es nicht. Geschätzt wird aber, dass jeder zweite Klubbesucher illegale Substanzen einnimmt. Belegen lässt sich dies freilich nicht. Gefragt sind in der Szene vor allem Kokain, «Speed» und Ecstasy. Aber auch das Narkotikum Ketamin, das den Nutzer bei zu hoher Dosierung einfach umkippen lässt. Die Menge der konsumierten Drogen habe in den letzten Jahren zugenommen, sagt Raphael*, der als DJ vor allem in der Zürcher Untergrundszene auftritt. Auch bei der Stadtpolizei Zürich heisst es, es gebe tendenziell mehr Drogen in der Partyszene als früher.

Obwohl Fachleute vor dem Mischkonsum warnen, ist er weit verbreitet. Bei einer Befragung des Drogeninformationszentrums (DIZ) gaben 2013 rund 60 Prozent der Teilnehmer an, mindestens zwei Substanzen während einer Nacht konsumiert zu haben. Auch die im Internet publizierten Warnhinweise für Ecstasy-Pillen gelten hier mehr als Empfehlungen – getreu dem Motto: je stärker, desto besser.

Woher bekommen die Partygänger ihre Drogen? Er bestelle jeweils über einen Kollegen, sagt der 25-jährige Jan. «Dadurch habe ich eine gewisse Garantie, dass die Qualität der Drogen auch in Ordnung ist.» Bei der jüngsten Bestellung allerdings sei der Preis eindeutig zu hoch gewesen, findet er. Mehr als 10 Franken für eine Pille zahle er nicht, habe er dem Dealer gesagt und schliesslich das Ecstasy auch zu einem besseren Preis bekommen.

Tatort Klub-Toilette

Je näher der Morgen rückt, desto ausgelassener wird die Stimmung. Jan bringt Eistee von der Bar auf die Tanzfläche. «Es hat eine Überraschung drin», sagt er grinsend. MDMA-Kristalle. Das Glas wird freudig herumgereicht, jeder nimmt einen Schluck. «Damit werden die Pupillen riesig, wie Plattenteller», sagt Jan. Der DJ verführt derweil die tanzende Masse, die sich dicht an dicht drängt, zu immer ekstatischeren Glücksbekundungen. Manch einer schwebt mit einem seligen Lächeln auf den Lippen vorbei. Auch das Bedürfnis nach körperlicher Nähe steigt mit zunehmender Dauer. «Mir geht es um den Exzess», sagt Dani. Dieser erlaube eine Intimität in der Gruppe, die im «normalen» Ausgang gar nicht möglich sei. «Mit den Drogen wird sehr offen und hemmungslos kommuniziert und gelebt», findet Dani. Für den 31-jährigen Harry geht es beim Drogenkonsum dagegen nicht nur um Spass und den Exzess. «Für mich ist es auch eine Ablenkung von den Dingen im Leben, die derzeit nicht so funktionieren, wie ich es mir wünsche.»

Das Konsumverhalten spiegelt sich auch im Ausgehverhalten. Die Zahl der Afterhour-Feiern, also Partys, die erst in den Morgenstunden beginnen, steigt seit Jahren an. Ein Teil der Szene weicht zudem vermehrt in Klubs aus, in die Besucher nur via Gästeliste Einlass erhalten. Dort werden die Drogen meist offener konsumiert. Die Entwicklung hänge auch mit dem Verhalten der Klubs zusammen, sagt Discjockey Raphael. Nachdem es vor einigen Jahren eine Welle von Razzien in Zürcher Klubs gegeben habe, sei das Klima restriktiver geworden. «Einige Lokale verlangen mittlerweile selbst von den DJ, dass sie sich vor ihrem Auftritt schriftlich verpflichten, keine Drogen zu konsumieren», erzählt er. Konsumiert wird wegen der Restriktionen nun halt im Versteckten. Der Tatort heisst meist Klub-Toilette.

Gefährliche Streckmittel

Viele Konsumenten orientieren sich beim Kauf von Partydrogen an deren Aussehen. Zu den typischen Erkennungsmerkmalen gehören Farbe, Form und – im Falle von Ecstasy-Pillen – auch Markenlogos. Die Optik lässt allerdings nicht auf die Zusammensetzung schliessen. Auch wenn Pillen mit denselben Logos versehen sind, bedeutet das nicht, dass sie aus der gleichen Herstellung stammen. Deswegen rät die Zürcher Jugendberatung Streetwork, jede einzelne Probe testen zu lassen. Neben Streetwork bietet auch «Rave it safe» im Raum Bern mobiles Drug-Checking und Beratungsgespräche an. Auch im Drogeninformationszentrum (DIZ) in Zürich können Drogen getestet werden.

Pillenförmige Drogen enthalten Laktose oder Glukose als Bindemittel. Viele Partydrogen werden aber oft mit anderen psychoaktiven Streckmitteln versetzt. Diese sind nicht immer unproblematisch. So sind beispielsweise Entwurmungsmittel für Tiere beliebte Streckmittel bei den Herstellern von Ecstasy. Wenn ein Konsument diese Substanz immer wieder zu sich nimmt, kann längerfristig sein Gewebe angegriffen werden. Im Zürcher Universitätsspital gab es deswegen schon Fälle von Nekrose, also abgestorbenen Extremitäten.

Es ist mittlerweile 5 Uhr in der Früh. Harry scannt zuerst den Raum. Ist ein Security-Angestellter in der Nähe? Diese spähen bei ihren Rundgängen schon mal über die Trennwände der WC-Kabinen, um die Drogenkonsumenten und Dealer abzuschrecken. Die Luft ist rein, schnell schlüpft er in die Kabine. Bereits kurze Zeit später kommt er wieder hervor. Mit einem Grinsen im Gesicht. Zum Schnupfen diente ihm ein Schlüssel, auf den er Häufchen von «Speed» geschaufelt hatte. «Das ist einfacher, als sich zuerst mühsam eine Linie auf einer Karte zu präparieren», erklärt er. Die Gefahr, vom Personal erwischt zu werden, sei zudem geringer. Allerdings sei es ihm auch schon passiert, dass der Schlüssel verklebt sei und er später seine Haustüre nicht mehr aufgebracht habe. Den Trend zu halboffiziellen Klubs begründet DJ Raphael mit der Suche nach Freiräumen. «Es geht beim Drogenkonsum in erster Linie um Spass. Du zahlst in den normalen Klubs für den Eintritt mindestens 25 Franken, darfst dann aber doch nicht tun, was du willst.» Die Zürcher Klubszene sei in dieser Hinsicht degeneriert, es gebe keine Weiterentwicklung. Er geht deshalb für den Ausgang kaum mehr in die «normalen» Klubs.

Über die Bücher gehen

Raphael selbst konsumiert ebenfalls regelmässig Partydrogen. Er lebe nach dem Motto, dass man alles einmal ausprobiert haben müsse, erzählt er. «Wenn du in einer Nacht mehrere Auftritte hast und danach noch an einer Afterhourparty spielen musst, kommst du ohne aufputschende Substanzen nicht aus.» Meistens nehme er dann «Speed», um wach zu bleiben. «Unter Ecstasy-Einfluss Musik aufz
ulegen, ist dagegen mühsam und zerstört den Auftritt.»


Am späten Vormittag zieht es uns an eine der vielen Outdoor-Partys, die in den Sommermonaten stattfinden. Harry lässt es zunächst etwas ruhiger angehen, dreht sich einen Joint. Er habe die letzte Nacht etwas übertrieben, meint er. Hat er manchmal Angst vor einer Abhängigkeit? «Ich habe schon ein kleines Drogenproblem», sagt er. «Bis zum Ende des Sommers gebe ich mir noch Zeit. Dann muss ich über die Bücher.» Noch steht aber eine weitere Nacht bevor. Und dann kommt der Montag. Und die Depression? Damit habe er normalerweise wenig Mühe, sagt Dani. Wichtig sei ein starkes soziales Umfeld und, neben dem Partyleben noch andere Antriebe wie Sport oder die Arbeit zu haben.

*Namen geändert.

 

28.07.2014, Neue Zürcher Zeitung

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