Die Wahrheit über Cannabis und Ihre weiße Substanz

Vor Kurzem löste eine vom King‘s College in London veröffentlichte Studie einen Medienhype aus, da sie einen Zusammenhang zwischen dem starken Konsum von potentem Cannabis und strukturellen Veränderungen im Gehirn herstellte, womit vor allem eine Verminderung der Menge und Integrität der weißen Substanz gemeint war.

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Wie so oft bei solchen Studien verstiegen sich bestimmte Massenmedien gleich zu wilden Spekulationen, dass Cannabis an dieser wahrgenommenen Veränderung der Gehirnstruktur schuld sei und dass die Politik aufgrund dieser Erkenntnisse sofort die Gesetze ändern müsse. Aber entsprechen die Erkenntnisse tatsächlich der Wahrheit?

Schließlich müssen wir uns meistens nur ein wenig mehr in die Texte der Studien vertiefen, um herauszufinden, dass die hier gemachten Aussagen viel differenzierter sind, als die simplifizierenden Medienartikel Ihnen weismachen wollen.

Worum ging es in dieser Studie genau?

Bevor wir die diversen Fehler der Studie durchnehmen, wollen wir uns kurz ansehen, was hier eigentlich genau ausgesagt wird. Die Studie umfasste 99 Versuchspersonen, von denen 56 von einer früheren psychotischen Episode berichtet hatten, und untersuchte ihre Gehirnmasse mithilfe von MRI-Scans eines spezifischen Typs, der als Diffusion Tensor Imaging (DTI) bezeichnet wird. Diese fortschrittliche 3D-Technik misst den Grad der Diffusion der Wassermoleküle in den Körpergeweben und erlaubt es den Anwendern, die spezifischen Gewebestrukturen mit erstaunlicher Präzision und Detailgenauigkeit zu analysieren.

Die Scans untersuchten die weiße Substanz, die aus dicht bepackten Bündeln von myelinisierten (markhaltigen) Axonen (Nervenfasern) zusammengesetzt ist und die verschiedenen Bereiche der grauen Substanz miteinander verbindet. Die graue Substanz beherbergt die Neuronen selbst, und man kann sie auf folgende Weise betrachten: Die Neuronen erzeugen Informationen, und die Axone transportieren diese zu neuen Neuronen, die eine entsprechende Wirkung auslösen. Die Studie untersuchte insbesondere den Corpus callosum (Gehirnbalken), der die linke und rechte Gehirnhälfte miteinander verbindet und die größte Struktur der weißen Substanz im Gehirn darstellt.

Was fand die Studie heraus?

Das Corpus callosum, die größte Gehirnregion aus weißer Substanz, dargestellt in einer DTI-Abbildung (© Andras Jakab)

Das Corpus callosum, die größte Gehirnregion aus weißer Substanz, dargestellt in einer DTI-Abbildung (© Andras Jakab)

Mithilfe des DTI-Scans kann eine wichtige Messmethode durchgeführt werden, die mean diffusivity (MD = mittlere Diffusion). Durch diese Messung kann der Grad bestimmt werden, in dem sich Wassermoleküle im Gewebe ausbreiten; wenn der MD höher als normal ist, wird angenommen, dass dies mit einer verminderten Dichte der Axonbündel und mit einer Beschädigung der Myelinscheiden verbunden ist, die jedes Axon umgeben und isolieren und den Signalen ermöglicht, die Axone schnell der Länge nach zu durchqueren.

Durch die Messung des Corpus callosum fanden die Forscher heraus, dass die stärksten Cannabiskonsumenten den größten Anstieg der MD aufwiesen, verglichen mit der Kontrollgruppe der Nicht-Konsumenten. Dieser Zusammenhang wurde bei starken Cannabiskonsumenten durch die Bank festgestellt, selbst bei denen, die zuvor keine Psychose durchgemacht hatten.

Einer der Leiter der Studie, Dr. Tiago Reis Marques, erklärte: „Diese Beschädigung der weißen Substanz war bei den starken Konsumenten von hochpotentem Cannabis signifikant höher als bei denen, die Cannabis gelegentlich oder in geringer Potenz konsumieren, und sie trat auch unabhängig vom Auftreten einer psychotischen Störung auf”.

Und eine weitere leitende Forscherin, Paola Dazzan, fügte hinzu: „Es ist dringend erforderlich, Angehörige der Gesundheitsberufe sowie die Öffentlichkeit und die Politiker über die Risiken aufzuklären, die mit dem Cannabiskonsum verbunden sind.“

Was stimmt an der Studie nicht?

Welche Fehler hat die Studie also nun gemacht? Zunächst haben offenbar sowohl die Medien als auch die Forscher den Kardinalfehler begangen, Korrelationen mit Ursachen zu vermengen. Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Konsums von potentem Cannabis und diesen strukturellen Unterschieden, aber nichts in der Studie deutet darauf hin, dass Cannabis diese Änderungen verursacht hat.

Es könnte sich herausstellen, dass nicht der starke Cannabiskonsum die Änderungen an sich verursacht, sondern dass schon vorher existierende strukturelle Abnormitäten bei bestimmten Personen eine Veranlagung für starken Cannabiskonsum schaffen.

Darüber hinaus wurde die Potenz des Cannabis so eingestuft, wie es die Versuchspersonen selbst berichteten, nämlich schlichtweg als wenig potent (wie Haschisch) oder als hochpotent (wie Skunk); da man keinen angemesseneren Versuch zur Bestimmung der Cannabinoidkonzentrationen und -anteile unternommen hat, erscheinen diese Kennzeichnungen als ziemlich unbrauchbar. Außerdem erfasste die Studie nicht, welche Menge Cannabis jede Versuchsperson seit wie vielen Jahren konsumierte oder ob daneben noch andere Substanzen konsumiert wurden.

Des Weiteren haben einige den geringen Umfang der Studie moniert und auf die Schwierigkeit hingewiesen, hieraus aussagefähige Resultate abzuleiten. Allerdings ist die Menge der Versuchspersonen für eine derartige vorklinische Studie nicht ungewöhnlich klein. Richtig ist jedoch in jedem Fall, dass in Medienberichten konkrete Schlussfolgerungen aus nicht beweiskräftigen Daten gezogen wurden (zusammen mit irreführenden Erklärungen von Forschern, die es eigentlich besser wissen müssten), die ihrem Wesen nach viel gründlicher erforscht werden müssen.

Wie müsste eine Studie aussehen, die tatsächlich einen Zusammenhang nachweisen würde?

Die Gehirne der Versuchspersonen wurden mithilfe des DTI analysiert, einer Form des MRI-Scans (© Muffet)

Die Gehirne der Versuchspersonen wurden mithilfe des DTI analysiert, einer Form des MRI-Scans (© Muffet)

Bei dem betreffenden Artikel ging es um eine Querschnittsstudie, die zu einem bestimmten Zeitpunkt verschiedene Gruppen von Versuchspersonen untersuchte und bestimmte variable Faktoren miteinander verglich, um mögliche Zusammenhänge zu erkennen. Schon ihrer Natur nach sind Querschnittsstudien nicht in der Lage, Ursache und Wirkung zu ermitteln, da sie keine zeitlich bedingten Entwicklungen berücksichtigen. In diesem Fall können die Forscher nicht sagen, ob die Änderungen schon vorher existierten; sie können also auch nicht behaupten, dass sie als Folge des Cannabiskonsums auftraten, wie sehr sie auch davon überzeugt sein mögen.

Querschnittsstudien sind auch insofern von Natur aus begrenzt, als sie eine begrenzte Reihe von Variablen direkt miteinander vergleichen und daraus Schlüsse ziehen, ohne zugleich andere konfundierende (störende) Variablen zu überprüfen. In diesem Fall könnte der festgestellte Schaden durch etwas ganz anderes als Cannabiskonsum verursacht worden sein – zum Beispiel durch Alkohol- oder Tabakkonsum -, doch die Forscher haben diesen Faktor einfach nicht berücksichtigt.

Um zu beweisen, dass Cannabiskonsum strukturelle Veränderungen in menschlichen Gehirnen hervorruft, könnte man theoretisch eine randomisierte (mit Zufallszahlen arbeitende) kontrollierte Studie durchführen. Hierbei würde man Cannabis an Personen verabreichen, die es noch nie konsumiert haben, und würde jegliche Veränderung beobachten.

Das wäre jedoch aus ethischen und rechtlichen Gründen undurchführbar, denn wenn die Studie tatsächlich Hirnschäden nach sich zöge, wären die zuvor gesunden Personen natürlich sehr verärgert, gelinde gesagt, und sie und ihre Familien würden zweifellos gerichtliche Schritte einleiten! Selbstverständlich bleibt Cannabis in Großbritannien, wo die oben erwähnte Studie durchgeführt wurde, illegal – außer für eine sehr kleine Liste mit zugelassenen Krankheiten; das ist noch ein weiterer Grund, warum diese Art der Studie nicht stattfinden darf. Man könnte sie zwar an Tieren durchführen, aber eine solche Studie wäre nur begrenzt aussagefähig, wenn man speziell nach Auswirkungen auf den Menschen sucht.

Daher müssen sich die Forscher damit zufriedengeben, Menschen zu untersuchen, die freiwillig Cannabis konsumieren und bereit sind, an einer Studie teilzunehmen. Wenn man also versuchen will, Ursache und Wirkung festzustellen, tut man dies am besten mithilfe einer Langzeit-Kohortenstudie. Hierbei wird dieselbe Personengruppe über längere Zeit hinweg beobachtet, wobei auch Änderungen bei Konsumgewohnheiten einbezogen werden (ebenso wie andere Faktoren des Lebensstils). Diese Beobachtungen werden dann mit den wahrgenommenen physischen Veränderungen verglichen.

Es gab in der Tat eine Handvoll Langzeitstudien, die Cannabis in Bezug auf die geistige Gesundheit untersuchten, aber offenbar keine, die speziell die Effekte von Cannabis auf die weiße Substanz untersucht hat (außer einer, die Teenager beobachtete, die sowohl Cannabis als auch Alkohol konsumierten, und die darauf hindeutete, dass Alkohol mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Abbau der weißen Substanz verantwortlich war).

Eine Nachlese aus einigen Medien …

Starker Konsum von potentem Cannabis wurde mit der Beschädigung der weißen Substanz assoziiert, aber ein kausaler Zusammenhang wurde nicht gefunden (© DonGoofy)

Starker Konsum von potentem Cannabis wurde mit der Beschädigung der weißen Substanz assoziiert, aber ein kausaler Zusammenhang wurde nicht gefunden (© DonGoofy)

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass der ursprüngliche Titel des Presseberichts auf der Website des King‘s College lautete: „Studie zeigt eine Schädigung der weißen Substanz durch ,Skunk-ähnliches‘ Cannabis”; jetzt wurde er jedoch wie folgt ergänzt: „Studie zeigt eine Schädigung der weißen Substanz, die möglicherweise durch ,Skunk-ähnliches‘ Cannabis hervorgerufen wurde” (die Hervorhebung wurde hinzugefügt).

Und wie üblich bei solchen Studien haben die objektiveren Zeitungen (The Guardian und The Independent) natürlich das „vielleicht“ oder „kann” hinzugefügt, während die eher schrillen „Boulevardblätter” (The Telegraph) diese Relativierungen selbstverständlich weggelassen haben.

Es versteht sich von selbst, dass die rechtsextreme Sensationspresse keine Zurückhaltung kennt, zum Beispiel mit der schreierisch-einprägsamen Schlagzeile von The Sun: „Wissenschaftler warnen: Das Rauchen von ,Skunk‘-Cannabis zerstört das Gehirn”, und die The Mail posaunt in die Welt hinaus: “Es ist bewiesen, dass starker Cannabis WIRKLICH Ihrem Gehirn schadet”; immerhin reichte diese unerhörte Verdrehung der Tatsachen aus, um den National Health Service (Staatlicher Gesundheitsdienst) Großbritanniens zur Veröffentlichung eines Artikels zu veranlassen, in dem die Sensationsberichte widerlegt wurden.

Doch trotz der Fehler in der Studie und der diesbezüglichen Medienberichte zeigt die Studie zumindest die Möglichkeit auf, dass Cannabis tatsächlich Hirnveränderungen verursachen könne; die Ergebnisse sind also nicht so einfach von der Hand zu weisen. Das zu tun, hieße in die gleiche Falle zu tappen wie zu unterstellen, dass die Frage schon geklärt sei, obwohl wir in Wahrheit gerade erst angefangen haben, sie zu beantworten.

Seshata ist Vollzeitjournalistin und Forscherin auf dem Gebiet von Cannabis. Sie ist auf die soziokulturellen, umwelttechnischen und geopolitischen Aspekte der Cannabisindustrie spezialisiert.

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